Buddhismus und Unternehmertum
Wie sind Sie zum Buddhismus gekommen?
Meine Jugend und wenn man so will, meine christlich-protestantische Erziehung war schon immer sehr geprägt von praktizierter Nächstenliebe, Mitgefühl und von Vertrauen in das Leben. Das haben mir meine Eltern mitgegeben. Dafür bin ich sehr dankbar.
Als Naturwissenschaftlerin war ich viele Jahre in der Industrie im leitenden Management tätig. Nach einer schweren Erkrankung, bei der mir die Schulmedizin keine große Hoffnung machen konnte, fand ich überraschend Hilfe und Heilung in der tibetischen Medizin. Mit dieser habe ich mich dann 8 Jahre durch Studien befasst. Da der Buddhismus eine Grundlage dieser medizinischen Lehre ist, konnte ich mir die zugrundeliegende Philosophie immer mehr erschließen. Für mich ist der Umgang mit Mitgefühl, Achtsamkeit und Bewusstsein die Quelle meines erfüllten Alltags geworden. Buddhismus verstehe ich dabei als eine lebendige Philosophie, nicht als Religion.
Wie beeinflusst der Buddhismus Ihr privates Leben? An welche Regeln halten Sie sich, inwiefern üben Sie den Buddhismus praktisch aus?

Buddhismus im Allatag ist für mich eine Geisteshaltung. Für einen Buddhisten fängt das Tun nicht erst mit der Tat an, die Vorbereitungen für eine Tat finden immer im Denken statt, ob bewusst oder unbewusst.
Ich übe den Buddhismus als Philosophie aus. Indem ich mich an den Lehrreden (den sogenannten 4 edlen Wahrheiten) orientiere. Durch tägliche Meditation, durch gelebte Achtsamkeit und Mitgefühl mit mir selbst und mit meinen Mitmenschen. Dies sieht in der Umsetzung so aus, indem ich den anderen bewusst wahrnehme - nicht in dem Programm in dem er gerade steckt (Wut, Ärger etc) - sondernd als den Menschen der er wirklich ist. Das gelingt durch mein inneres Menschenbild das geprägt ist von Hingabe, Zuneigung und Mitgefühl. Jeder versucht meiner Meinung nach einfach nur sein Leben zu leben und glücklich zu werden. Das verbindet uns alle.
Diese Geisteshaltung kommt nicht über Nacht. Es ist vielmehr ein innerer Prozess der mit der Auseinandersetzung des eigenen Seins einhergeht. Es ist ein Weg der Vertiefung, der Übung bedarf. Deshalb ja auch die tägliche Meditation. Die Empathie ist für mich persönlich das Werkzeug, um den Ansprüchen der buddhistischen Lehre gerecht zu werden. Deshalb übe ich es auch als meine Berufung aus, meinen Beruf als Empathie-Trainerin und Private Counselor, also als Vertrauensperson für das Top Management.
Wenn ich den Buddhismus richtig verstehe, gibt es dort weniger strenge Regeln, wie im Christentum, sondern jeder muss zu seiner eigenen Erkenntnis gelangen:
Wie gelangt man zu solchen Erkenntnissen?
Dies ist unabhängig von der gelebten Religion. Wenn man sich mit den anderen Religionen intensiv beschäftigt, merkt man schnell, wie viel sie gemeinsam haben.
Alles was wir tun prägt unseren Geist. Durch das tägliche, ernstgemeinte Auseinandersetzen mit sich selbst und seinem Handeln, Denken und Tun, kann man seinen Geist klären und zur Ruhe bringen. Ebenso durch das Erkennen und das Überwinden der Dinge, die man an sich selbst oder anderen verurteilt.
Dies führt zur Entwicklung von Geduld. Ohne Geduld wiederum können wir kein Mitgefühl und keine Güte entwickeln. Güte ist eine Voraussetzung für geistigen Frieden.
Die buddhistische Philosophie ist ein Weg der Mitte, der alle Extreme meidet. Für mich führte der Weg ganz klar über die Wahrnehmung von mir selbst und meiner Umwelt.
Schon Leonardo da Vinci sagte: „All unser Wissen begründet sich auf Wahrnehmung."
Hinzu kommt, dass ich Wissenschaftlerin bin und mich zudem seit vielen Jahren mit den Ergebnissen der Hirnforschung beschäftige. Das Erkennen wie wir auf äußere Reize reagieren, wie sie mit unseren Konditionierungen gekoppelt sind und wie man durch die Technik der Wahrnehmung diese Konditionierungen entkoppeln kann, finde ich immer wieder aufs Neue faszinierend. Dieses Wissen weiterzugeben ist letztlich einer der Inhalte, welchen ich durch meine Arbeit wie bspw. durch das Vogelschwarm Prinzip®, so alltagstauglich und praxisnah wie nur möglich meinen Klienten vermittle. Es wird dadurch ein sehr kraftvoller Aha-Effekt erzeugt, eine persönliche Erfahrung, die letztlich Erkenntnis auslöst.
Dies immer wieder für sich selbst wahrzunehmen, ist wie gesagt eine Frage der Übung. Indem ich innehalte und fühle was das Gehörte, Gesagte, Beobachtete mit mir macht und ich dadurch bei mir bleibe, an statt auf "Autopilot" zu schalten, gelingt es diese Attribute zu leben.
Welche Erkenntnisse sind für Sie selbst besonders wichtig?
Die Erkenntnis, dass Bewusstsein die Infrastruktur ist, auf der alles aufbaut. Sie ist die Fähigkeit, sich im Klaren zu sein und sich entscheiden zu können. Ich sage das im Hinblick auf meine 20 jährige internationale Industrie-Erfahrung. Überall haben wir es mit Menschen, Bedürfnissen und Gefühlen zu tun.
Durch das Erkennen von Gefühlen, Gedanken und Antworten bezüglich unserer Umgebung und das Einbeziehen dieser Informationen sind wir in der Lage, eine gezielte Wahl für unser Verhalten und unsere Handlungen zu treffen.
Es ist also eine Überlebensfähigkeit, eine Lebenseinstellung und eine grundsätzliche Business Haltung.
Wie beeinflusst der Buddhismus Ihr berufliches Leben?
Wann immer ich einem Menschen begegne, tue ich das mit Respekt und Bewertungsfreiheit. Es ist vielmehr eine freudige Erwartung, was mir und dem Anderen diese Begegnung an Erfahrungen bringt. Mein Wohlwollen und mein ernstes Interesse an meinem Gegenüber, überträgt sich ganz automatisch - als ein unbewusster Vorgang - auf meinen Gesprächspartner. Das erzeugt Vertrauen und Verbindlichkeit und öffnet für Gespräche die schnell das Oberflächliche hinter sich lassen. Es geht dann ums Wesentliche. Es ist eine wunderbare Grundlage jemandem tatsächlich zu begegnen, ihn in seinen Bedürfnissen und als Mensch wahrzunehmen. Für mich als Private Counselor, als Vertrauensperson in den Vorstands- und Führungsebenen der Industrie ist es die Basis meiner Arbeit und die Grundlage meines Erfolges.
Hinzukommt ein wesentlicher Faktor, meine verinnerlichte, authentische Businesshaltung die besagt: „ich muss gar nichts." Die Dinge entwickeln sich viel natürlicher und haben mehr Kraft, wenn man Business befreit von Kontrollverhalten lebt. Meine Intension ist es andere durch Authentizität zu inspirieren und keinesfalls sie zu belehren. Meine Klienten erleben das mit mir in Gesprächen und Begegnungen. Sie wollen von mir erfahren, wie man genau dies in die Praxis umsetzt. Diese Gelassenheit im Kontext mit den beruflichen Anforderungen und der „harten Front" in Einklang zu bekommen, das ist es was die Führungskräfte von mir vermittelt bekommen wollen. Jeder hat dabei seinen ganz persönlichen Weg. Ein Weg dem man gemeinsam nur gehen kann, basierend auf Empathie und gegenseitigem Vertrauen. Die gelebte Religion des Einzelnen spielt dabei keinerlei Rolle.
Wie wirkt er sich auf den Umgang mit Ihren Mitarbeitern, Konkurrenten oder Kunden aus?
Für mich gibt es den Gedanken von Mitbewerber oder Konkurrent nicht. Ganz im Gegenteil. Jeder, der sich um einen Wandel in der Gesellschaft bezüglich mehr Menschlichkeit, Empathie, Respekt, Vertrauen etc. bemüht, ist eine erfreuliche Bereicherung. Je mehr Menschen dies tun, umso besser. Jeder hat doch dabei seine ganz eigenen wunderbaren Fähigkeiten. Meine sind Empathie, Bewusstsein, Erfahrung und Wissen.
Meine Mitarbeiter sehe ich als Bereicherung und Unterstützung für meine Tätigkeit. Ich weiß ihre Talente und Fähigkeiten sehr zu schätzen und pflege einen offenen, herzlichen Umgang. Verbindlichkeit und die Förderung der persönlichen Entwicklung des Einzelnen sind für mich dabei ganz wesentliche Bestandteile. Mitarbeitermotivation ist ein innerer Prozess der Führungskraft, der meines Erachtens nur durch Vorbildfunktion gelingt.
Beeinflusst die Religion ihre alltäglichen Entscheidungen? Inwiefern?
Ja. Aber wie schon gesagt, Buddhismus ist für mich weniger eine Religion, eher eine gelebte Philosophie. Philosophie bedeutet so viel wie „die Liebe zur Weisheit oder Liebe und Weisheit."
Meine Entscheidungen fälle ich meist aus einer tiefen Achtsamkeit gegenüber mir und in Bezug auf die Realitätsebene der Situation. Ich betrachte dabei gerne den situativen Ursprung und ich stelle mir Fragen.
Was möchte und was brauche ich, was brauchen die anderen, zu was führt es? Mit der klaren Entscheidung die volle Verantwortung für mein Handeln zu übernehmen. Das gibt Kraft. Meiner Meinung nach kann man Entscheidungen nur aus Klarheit treffen, Klarheit führt zu dem Gefühl von Freiheit, das Gefühl an alles gedacht zu haben, sich und andere berücksichtigt zu haben, was letztendlich Zufriedenheit hervorruft.
Wenn ich merke, dass ich mit einer Situation unzufrieden bin, schaue ich nach Innen. Ich stelle mir die Frage meiner eigenen Klarheit bei der Sache und wenn nötig erzeuge ich diese Klarheit. Das ändert zwar nicht unbedingt immer die Situationsfakten, aber alle weiteren Schritte leiten sich daraus ab.
Inwiefern kann der Buddhismus auch ein Erfolgsrezept für Unternehmer sein?
Ich bin davon überzeugt, dass unser natürlicher Zustand der eines mitfühlenden Menschen und Wesens ist. Ich war viele Jahre im Ausland tätig.
Egal mit welchen Kulturen ich in Kontakt war, alle Menschen denen ich begegnet bin hatten und haben ein und das selbe Bedürfnis, eine Grundformel die alle Nationalitäten, Rassen und Glaubensrichtungen miteinander vereint, etwas, das sich immer anwenden lässt: jedes lebende Wesen, jeder Mensch möchte respektiert, gesehen, verstanden und geliebt werden. Jeder möchte Wertschätzung erfahren und dazu gehören.
Ein Unternehmer der dies verstanden und erkannt hat, wird seinen Kunden, Lieferanten, Mitarbeitern und auch Konkurrenten definitiv anders begegnen. Eine Geisteshaltung die auf Bewusstheit aufbaut, die zunächst vielleicht aufgrund einer Ungewohntheit misstrauisch beäugt wird, jedoch authentisch ist. Sie erzeugt bei allen Beteiligten letztlich ein positives Gefühl, das die Ausgangsbasis des Erfolges darstellt.
Man muss meiner Meinung nach kein Buddhist sein, um dies in die Praxis umzusetzen. Man sollte einfach nur Mensch sein.
Spiegelt sich der Buddhismus in Ihren Räumlichkeiten wieder?

Ja, jedoch nur im Büro der Geschäftsleitung von mir und meinem Mann. Jeder Mitarbeiter kann seinen Arbeitsplatz so gestalten wie er wünscht und er sich wohlfühlt. Kreativität und Zufriedenheit lassen sich dadurch viel eher erzeugen.
Ich bin Sammlerin von schönen, handgearbeiteten Buddhafiguren. Die Figur des mitfühlend lächelnd sitzenden Buddha erinnert mich dabei daran, mich um die Entwicklung von Frieden und Liebe in mir stets weiter zu bemühen. Es hat für mich eher eine symbolische Bedeutung. Es erinnert zudem an die Tatsache, dass diese Philosophie auf das Menschsein ausgerichtet ist. Es geht darum nach Innen nicht nach Außen zu schauen, um sich zu entwickeln.
2008 sind wir dem Dalai Lama persönlich begegnet, was uns auch noch heute nachhaltig berührt. Er ist in der Tat ein Mensch mit einer unglaublichen Ausstrahlung und Güte. Seitdem hängt sein Bild versehen mit seiner Originalunterschrift - quasi als geistiger Anker - in unserem Büro. Das hat ziemlich Kraft. Bei manch einer Entscheidung hilft uns sein lächelnder, gütiger Ausdruck und wir stellen uns dann mit einem Augenzwinkern die Frage: wie würde er jetzt handeln?
Wenn ich es richtig verstanden habe, muss laut Buddhismus der materielle Erfolg immer unbefriedigend bleiben. Aber wie verträgt sie sich mit dem Unternehmerdasein, das ja immer auch nach Gewinnen und Wachstum streben muss, um langfristig bestehen zu können?
Diese Ansicht teile ich nicht. Materieller Erfolg ist doch eine ganz persönliche Definition. Die Frage dabei ist, was ist die Intension dahinter. Das menschliche Handeln und Denken ist auf Geben und Nehmen ausgerichtet. Ein freier, gelassener Geist betrachtet materiellen Erfolg mit Sicherheit ganz anders als jemand, für den das Leben eher ein „Kampf" ist.
Hinzukommt, dass „Reichtum" nicht zwingend an Materiellem festzumachen ist. Unsere Gesellschaft ist viel zu sehr auf Geld fixiert. Auf der Grundlage des Geldes als universelles Wertmaß verändert sich die Motivation und Geisteshaltung der Menschen. Sie selbst werden dabei zu ökonomisch taxierten Einheiten. Humankapital, flexibel einsetzbar, eingestellt oder entlassen im Rhythmus der Konjunktur. Dies führt zu Abhängigkeiten.
Für mich bedeutet materieller Erfolg weniger mein Ego zu befriedigen, als vielmehr damit in der Lage zu sein größere Wellen auszulösen, weitere Kreise zu ziehen und erwünschte Ziele zu verwirklichen. Eines der Ziele ist es, viel Menschen zu erreichen, um dadurch die Möglichkeit zu haben zu inspirieren, Vorbild zu sein, zu vermitteln, dass durch Empathie und einer bewussten Businesshaltung in Form einer kollektiven Intelligenz, etwas Großartiges erreicht werden kann. Als ein Mehrwert für die Gesellschaft. Das kann meiner Meinung nach Wandel erzeugen und aus Abhängigkeiten befreien.
In unserem unternehmerischen Denken und Handeln bei Live Competence geht es nicht primär um Wachstum und Gewinn, sondern um geistige, emotionale und auch spirituelle Weiterentwicklung. Ein Unternehmen verstehen wir dabei als einen lebendigen Organismus. Wachstum und Gewinn sind dabei die natürliche Folge.
Großzügigkeit ist dabei unsere beste Investition.Wir haben die Erfahrung gemacht, dass diese Einstellung zu weit mehr Erfolg und Reputation führt.
Was kann ein Unternehmer generell aus dem Buddhismus lernen?
Jeder Mensch hat seine ganz persönliche Art mit sich, seinem Leben und Schwierigkeiten umzugehen. Die schwierigste Zeit in unserem Leben ist die beste Gelegenheit innere Stärke zu entwickeln. Sich für sich selbst in einer gesunden, empathischen Art zu interessieren (Ernährung, Gesundheit, Weiterentwicklung) und für sich einzustehen (Bedürfnisse und Emotionen) ist dabei eine Grundvoraussetzung. Buddhismus als gelebte Philosophie kann diese Lebenseinstellung positiv unterstützen.
Jeder Unternehmer kann sich dabei die Frage stellen:
„Was ist mein persönlicher Mehrwert für die Gesellschaft?"
Nicht in Form, welchen Nutzen hat das, was ich produziere, oder wie viele Arbeitsplätze erschaffe ich, sondern was bewirkt mein Handeln und mein Dasein als Mensch für andere. Diese philosophische Businesshaltung kann ihn dabei unterstützen sich authentisch in seiner Menschlichkeit zu zeigen. Menschlichkeit ist das Bindeglied, das uns alle über Ländergrenzen hinaus in unseren Gefühlen, Emotionen und Handlungen verbindet. Er kann durch diese Geisteshaltung erkennen, dass an einem Arbeitsplatz in einem unterstützenden, produktiven Umfeld, in denen Menschen fähig sind die Maximierung ihrer eigenen Potenziale zu transformieren, automatisch Zufriedenheit und Erfolg entstehen und dies letztlich zu einem positiven Beitrag für das Gesamte beiträgt. Für uns und für die kommenden Generationen.



